Weit draußen im Pazifik, über 1.600 Kilometer östlich von Japan, verbirgt sich unter mehr als 2.000 Metern Wasser eine geologische Sensation, die Fachleute jahrzehntelang übersehen haben. Was auf frühen Seekarten wie ein paar harmlose Erhebungen auf dem Meeresboden wirkte, entpuppte sich bei genauerer Untersuchung als einer der größten Vulkane, die je auf der Erde existiert haben. Erst moderne seismische Messtechniken offenbarten das wahre Ausmaß dieser unterirdischen Koloss.
Die Geschichte dieses Fundes zeigt, wie begrenzt unser Verständnis der eigenen Erde lange Zeit war. Geologen hatten das Gebilde zunächst als mehrere getrennte Berge klassifiziert, weil die flache Form und die gigantischen Ausmaße nicht in gängige Kategorien passten. Erst als ein internationales Forscherteam die Daten neu analysierte, wurde klar: Hier handelt es sich um ein einziges zusammenhängendes Vulkansystem, das alle bisherigen Dimensionen sprengt.
Das Tamu Massif: Ein einzelner Vulkan von kontinentalen Ausmaßen
Im Zentrum dieser Entdeckung steht der Tamu Massif, ein gigantischer Unterwasservulkan auf dem Shatsky Rise im pazifischen Ozean. Der Geophysiker William Sager und sein internationales Team nutzten seismische Daten, um das Rätsel zu lösen. Schallwellen, die in den Meeresboden eindringen und zurückkehren, zeigten durchgehende Lavaströme, die alle vermeintlichen Einzelberge miteinander verbinden.
Die Ausdehnung des Vulkans überrascht: Das Tamu Massif erstreckt sich über rund 310.000 Quadratkilometer – das entspricht etwa der Fläche von Neuseeland oder gut 85 Prozent der Fläche Deutschlands. Kein anderer bekannter Vulkan auf der Erde erreicht diese flächenmäßige Ausdehnung.
Die Datensätze offenbaren ein einziges zusammenhängendes Vulkansystem – flach, ausufernd und zusammen größer als jeder andere bekannte Vulkan der Erde.
➡️ Wie häufig Handtücher wirklich in die Waschmaschine müssen – Expertin räumt mit Mythos auf
➡️ Ruhestand entspannter genießen: 5 einfache Abendrituale mit großer Wirkung
➡️ „Tadpole Water“: Wie riskant ist Gen Zs neuer Abnehm-Drink wirklich?
➡️ Forscher halten es für denkbar: Verstecken sich Alien-Artefakte im Sonnensystem?
➡️ Diese 5 Persönlichkeitsmerkmale treiben das Schizophrenie-Risiko massiv nach oben
➡️ Wie deine Hautfarbe beeinflusst, ob Arzneimittel bei dir wirken
➡️ Mäuse im All zeigen: Ab diesem Punkt schrumpft unsere Muskelkraft
➡️ Vier Tassen Kaffee täglich: Studie zeigt überraschenden Schutz vor Krebs
Warum ein Koloss so lange unbemerkt blieb
Das Paradoxe an dieser Geschichte: Der Vulkan blieb nicht deshalb verborgen, weil er klein wäre. Sein eigenes Merkmal – die extreme Flachheit – machte ihn lange Zeit unsichtbar. Frühere Kartierungen ordneten die Hügelstruktur als drei getrennte Formationen ein, ohne echte Namen oder zusammenhängenden geologischen Kontext.
Die seismischen Messungen änderten dies vollständig. Sie zeigten Lavaflüsse, die wie Finger eines Handabdrucks von einem zentralen Bereich auslaufen. Ein solches Muster lässt sich nur erklären, wenn die vermeintlichen Einzelberge zu einem einzigen vulkanischen Gebilde gehören:
- Einheitliche Lavaschichten über die gesamte Fläche
- Gemeinsame geologische Herkunft aus dem Erdinneren
- Keine klaren Bruchlinien zwischen separaten Vulkanen
Ein Schildvulkan in kosmischen Dimensionen
Wer sich Vulkane als perfekte Kegel mit rauchenden Kratern vorstellt, liegt beim Tamu Massif vollkommen falsch. Es handelt sich um einen klassischen Schildvulkan, aber in einer Größenordnung, die bisher für die Erde kaum vorstellbar war. Sein Gipfel liegt rund 2.000 Meter unter der Wasseroberfläche, die Basis sinkt auf Tiefen von etwa 6,5 Kilometern.
Die Hänge sind so sanft, dass jemand an seiner Flanke kaum bemerken würde, dass er sich auf einem Berg befindet. Diese Form entstand durch dünnflüssige Lava, die vom Zentrum aus in alle Richtungen strömte und Schicht um Schicht ablagerte. Im Vergleich dazu wirken bekannte Hawaiian-Vulkane wie Mauna Loa geradezu winzig – mit nur etwa 5.200 Quadratkilometern Fläche.
Das Profil erinnert an einen klassischen Schildvulkan, nur in einer Dimension, die bisher für die Erde kaum vorstellbar war.
Ein Blick auf planetare Maßstäbe
Die Größenordnung des Tamu-Massivs sprengt nicht nur irdische Kategorien. Wissenschaftler vergleichen den Unterwasservulkan gerne mit Olympus Mons auf dem Mars, dem größten Vulkan unseres Sonnensystems. Eine Karte, die beide im gleichen Maßstab zeigt, macht deutlich: Der Ozeanriese kann mit dem Marskoloss durchaus mithalten – zumindest flächenmäßig.
| Vulkan | Himmelskörper | Fläche (ca.) |
|---|---|---|
| Tamu Massif | Erde | 310.000 km² |
| Mauna Loa | Erde | 5.200 km² |
| Kilauea | Erde | 1.500 km² |
| Olympus Mons | Mars | ca. 300.000 km² |
| Syrtis Major (Vulkan) | Mars | ca. 1.300.000 km² |
Diese Realisierung ist für Planetenforscher hochspannend. Ein irdisches Objekt rückt plötzlich in eine Liga, die bisher vor allem mit fremden Himmelskörpern verbunden war. Das ermöglicht direkte Vergleiche zwischen geologischen Prozessen auf Erde und Mars.
Ein Ausbruch aus der Zeit der Dinosaurier
Das Tamu Massif ist geologisch betrachtet uralt. Untersuchungen der Gesteine datieren seine Entstehung auf etwa 145 Millionen Jahre vor heute – die späte Jurazeit. Zu dieser Zeit trieben noch gigantische Meeresreptilien durch die Ur-Ozeane, während die Kontinente anders zusammenhingen als heute.
Der Vulkan entstand in einer relativ kurzen, aber intensiven Phase. Aus der Tiefe des Erdmantels stieg über längere Zeit enorme Magmamenge auf und breitete sich am Meeresboden aus. Nach dieser aktiven Phase beruhigte sich das System wieder. Heute gilt der Vulkan als erloschen, inaktiv seit Dutzenden Millionen Jahren.
Gerade dieser Punkt interessiert Geologen brennend: Wie viel Magma muss aufsteigen, um solche Dimensionen zu erreichen? Wie lange dauert ein solcher Aufbau? Was bedeutet das für den Wärmetransport und Stofftransfer im Erdinneren?
Was die Entdeckung für unser Verständnis bedeutet
Die Studie zum Tamu Massif gibt Hinweise auf grundlegende Mechanismen im Planeteninneren, wirft aber auch neue Fragen auf. Lange Zeit gingen Fachleute davon aus, dass ozeanische Plateaus von vielen kleineren Vulkanen geprägt werden. Das Tamu Massif zeigt: Manchmal dominiert ein einziges, riesiges System.
Dies betrifft mehrere Forschungsbereiche:
- Die Bildung und Struktur der ozeanischen Erdkruste
- Die Rolle gewaltiger Vulkanausbrüche für globales Klima und Ozeanchemie
- Den Vergleich mit sogenannten Mantelplumes – heißen Aufströmungen im Erdmantel
Große Teile des Meeresbodens sind bis heute nur grob kartiert. Was Satelliten als unscheinbare Wellen im Relief zeigen, kann sich bei Detailmessungen als riesige vulkanische Landschaft entpuppen. Möglicherweise verbergen sich noch weitere solcher Kolossen unter den Ozeanen.
Bedrohung oder Relikt? Offene Fragen bleiben
Wer bei dem Wort Supervulkan sofort an apokalyptische Szenarien denkt, kann in diesem Fall aufatmen. Das Tamu Massif gilt als längst erloschen – die Magmaquelle ist versiegt, der Vulkan ruht seit Dutzenden Millionen Jahren. Für heutige Ozeananwohner geht von ihm keine unmittelbare Gefahr aus.
Spannender ist eine andere Frage: In der Erdgeschichte stehen massive vulkanische Phasen oft im Verdacht, Klimakrisen ausgelöst oder verstärkt zu haben. Gigantische Lavaflächen schicken Gase und Partikel in die Atmosphäre, die das Klima verändern können. Wie groß war der Einfluss des Tamu Massif auf die Ozeanchemie und das Klima vor 145 Millionen Jahren? Und wie viele weitere solcher Riesenvulkane könnten noch unentdeckt unter den Meeresböden schlummern – möglicherweise mit Hinweisen auf klimatische Umwälzungen in der fernen Vergangenheit?








