Rätselhafte Radioquelle im All: 36-Minuten-Sender verwirrt Astronomen

Ein unauffälliger Punkt am Himmel sendet alle 36 Minuten ein ultrapräzises Radiosignal – und die Fachwelt steht ratlos davor. Mit dem Australian SKA Pathfinder ist Astronomen ein Fund gelungen, der gängige Modelle zu Sternsystemen ins Wanken bringt. Die neu entdeckte Radioquelle ASKAP J1424 pulsiert in einem Takt, der so regelmäßig und gleichzeitig so seltsam ist, dass Forscher bereits über eine völlig neue Klasse von Himmelskörpern nachdenken.

Solche Entdeckungen sind selten geworden in einer Zeit, in der das Universum scheinbar vermessen ist. Doch genau hier liegt der Kern der Sache: Moderne Radioteleskope wie ASKAP erfassen die Himmelssphäre schneller und empfindlicher als je zuvor. Sie finden nicht nur das, was wir erwarten, sondern stoßen auf Objekte, die überhaupt nicht in die bisherigen Kategorien passen. ASKAP J1424 ist dafür das perfekte Beispiel.

Ein mysteriöses Signal aus dem All

Die Radioquelle trägt die nüchterne Bezeichnung ASKAP J1424 und wurde im Rahmen des Großprojekts „Evolutionary Map of the Universe“ (EMU) entdeckt. Das ist eine systematische Himmelsdurchmusterung mit dem Australian SKA Pathfinder in Westaustralien. ASKAP besteht aus 36 Schüsseln, die riesige Himmelsbereiche im Radiobereich abtasten. Genau diese Kombination aus großer Fläche und hoher Beobachtungsfrequenz macht das Teleskop besonders stark beim Aufspüren kurzlebiger oder seltener Ereignisse – sogenannter transienter Radioquellen.

Aufgefallen ist die Quelle in einer zehnbändigen Beobachtung Anfang Januar 2025. Die Forschenden suchten gezielt nach Signalen mit spezieller Polarisation, also nach Wellen, deren Schwingung eine bestimmte bevorzugte Richtung hat. Hier sprang ASKAP J1424 regelrecht ins Auge.

ASKAP J1424 sendet über Stunden hinweg in einem extrem stabilen 36-Minuten-Rhythmus – ein Verhalten, das kaum zu bekannten Objekten passt.

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Das Rätsel der Langperiodischen Pulse

Auf den ersten Blick wirkt die Zahl unspektakulär: Das Signal wiederholt sich jede 36 Minuten, genauer alle 2.147,27 Sekunden. Für die Fachwelt steckt darin ein Alarmzeichen. So langsame, dafür extrem regelmäßige Pulse sind extrem selten und passen in kein etabliertes Schema.

Bekannte Pulsare – das sind schnell rotierende Neutronensterne – drehen sich meist in Millisekunden- bis Sekundenabständen. ASKAP J1424 liegt weit außerhalb dieses Bereichs. Es gehört zu den sogenannten Long-Period Radio Transients, also Radioblitzen mit sehr langen Perioden. Über acht Tage hinweg registrierte das Team ein nahezu unverändertes Pulsprofil. Die Form der Signale blieb praktisch identisch, die Periode extrem stabil – für ein Objekt, das eventuell Materie verschlingt oder magnetische Ausbrüche zeigt, ist diese Stabilität bemerkenswert.

Was zusätzlich für Kopfzerbruch sorgt, ist die Polarisation des Signals. Die Wellen sind vollständig polarisiert über den gesamten Puls hinweg. Die Polarisation wechselt von elliptisch auf nahezu rein linear. Das deutet auf ein extrem geordnetes Magnetfeld hin, das das Signal prägt.

Objekttyp Typische Periode Signalmerkmale
Pulsar Millisekunden bis Sekunden regelmäßige Pulse, meist teils polarisiert
Magnetar Sekunden Röntgen- und Gammaausbrüche, teils Radioemission
LPT wie ASKAP J1424 Minuten bis Stunden lange Perioden, stark polarisiert, seltene Ereignisse
Weißer Zwerg (magnetisiert) Minuten bis Stunden Radioemission aus Akkretionsprozessen

Unsichtbar im normalen Licht

Um ASKAP J1424 besser einzuordnen, suchte das Team nach Gegenparts im optischen und infraroten Bereich – nach einem Stern oder System, das am gleichen Ort sitzt. Doch sowohl in Archivdaten als auch in gezielten Nachbeobachtungen blieb die Quelle unsichtbar. Dieses Schweigen in anderen Wellenlängen macht die Einordnung schwer. Ein leuchtkräftiger Riesenstern oder ein klassischer Neutronenstern mit Akkretionsscheibe sollte sich zumindest im infraroten Bereich bemerkbar machen.

Die Forscherinnen und Forscher diskutieren daher mehrere Szenarien. Ein Weißer Zwerg in einem Doppelsternsystem könnte mit dem Wind eines Begleitsterns wechselwirken und dabei periodisch Radiostrahlung freisetzen. Ein extrem langsam rotierender, stark magnetisierter Neutronenstern – so etwas wie ein „Ultra-Slow Pulsar“ – wäre ebenfalls denkbar. Oder es handelt sich um eine völlig neue Objektklasse, ein bislang unbekannter Typ kompaktes Objekt, der erst durch empfindliche Radioteleskope wie ASKAP sichtbar wird.

  • Weißer Zwerg mit starkem Magnetfeld in Wechselwirkung mit Sternwind
  • Ultra-langsam rotierender Neutronenstern
  • Völlig unbekannte Objektklasse

Die Rolle von EMU und VAST

Das EMU-Projekt will eine Art Entwicklungskarte des Universums im Radiobereich erstellen. Die Teams kartieren den Himmel wieder und wieder, um veränderliche oder kurzlebige Quellen zu finden. ASKAP J1424 ist ein Musterbeispiel dafür, wie erfolgreich dieser Ansatz ist. Parallel läuft das Programm VAST („Variables and Slow Transients“), das sich speziell auf langsame, seltene Ausbrüche konzentriert.

Nur mit langfristigem Monitoring lässt sich klären, ob ASKAP J1424 dauerhaft aktiv ist oder nur gelegentlich aufflackert.

Die zweite Phase von VAST soll ASKAP J1424 genauer ins Visier nehmen. Zeigt die Quelle nur in bestimmten Phasen des Orbits Signale, spricht das für ein Doppelsternsystem. Ein einmaliger Ausbruch hingegen deutet eher auf ein zufälliges Ereignis hin – etwa das plötzliche Einfangen einer Plasmawolke.

Was die Polarisation über das Objekt verrät

Die starke Polarisation von ASKAP J1424 ist kein Nebendetail, sondern einer der wichtigsten Hinweise. Radiowellen, die durch chaotische Magnetfelder laufen, verlieren meist ihre klare Ausrichtung. Bleibt die Polarisation hingegen nahezu vollständig erhalten, spricht das für ein sehr geordnetes Feld in der Umgebung der Quelle.

Der Wechsel von elliptischer zu linearer Polarisation kann auf Veränderungen im Blickwinkel hindeuten – etwa, wenn ein stark gebündelter Strahl beim Rotieren über die Erde streicht, ähnlich einem Leuchtturm. So lassen sich Rückschlüsse auf Geometrie und Ausrichtung des Objekts ziehen. Radioastronomen sehen in solchen Details Schlüssel, um Übergangsphasen zwischen bekannten Objektklassen zu verstehen. Vielleicht handelt es sich um alternde Magnetare, ungewöhnliche Doppelsterne oder kurzlebige Stadien, die bisher im Dunkeln lagen.

Die größere Bedeutung von ASKAP J1424

Entdeckungen wie diese zeigen, dass die klassischen Kategorien kompakter Objekte – Pulsare hier, Magnetare dort, Weiße Zwerge dort drüben – längst nicht das ganze Bild abdecken. Die Empfindlichkeit moderner Teleskope offenbart Grautonebereiche, in denen Objekte existieren, die zu keiner etablierten Klasse passen.

Für die Astrophysik bedeutet das sowohl eine Herausforderung als auch eine Chance. Die Herausforderung liegt darin, ASKAP J1424 und Objekte wie es einzuordnen – neue Modelle zu schaffen statt nur bestehende zu verfeinern. Die Chance besteht darin, dass solche rätselhaften Quellen möglicherweise Einblick in Prozesse geben, die bisher theoretisch waren oder übersehen wurden.

Die kommenden Monate werden zeigen, ob ASKAP J1424 weiterhin sichtbar bleibt oder wieder im Rauschen verschwindet. Die Frage, die sich dabei stellt, geht über dieses einzelne Objekt hinaus: Wie viele solcher verborgenen Phänomene gibt es noch da draußen, die nur darauf warten, dass wir die richtigen Instrumente und den richtigen Blick entwickeln, um sie zu sehen?

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